Halbautomat II – Endspiel, Galerie Fasciati, Chur 2016

Halbautomat II – Endspiel, 2016

With collateral booklet Vol. 2 Halbautomat II
20 pages, 29,7 x 21 cm
Text „Im Digitalen Panopticon“

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Im Digitalen Panopticon

2015 zeigte Jules Spinatsch am 6. Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg, sieben neue Panorama-Arbeiten,in sieben verschiedenen Institutionen unter dem Titel „7 Places, 7 Precarious Fields“, kuratiert von Urs Stahel.
Mit Halbautomat II – Endspiel verdichtet und erweitert Jules Spinatsch diese Werkgruppe zu einem persönlichem Resumée, und zeigt den aktuellen Stand seiner Auseinandersetzung mit der Welt im Bild: Drei der sieben originalen Grossprints des Fotofestivals: JVA Panopticon, Zeitreise und Tanzboden 1. Hinzu kommt Inside SAP, die neue mehrteilige 
Arbeit, für die der Künstler sein Verfahren mit computer gesteuerten Kamera radikal weiter entwickelt hat. Sie entstand am Hauptsitz von SAP, einem der weltweit grössten Unternehmen, das Software zur Generierung und Auswertung grosser Datenmengen entwickelt (Big data analytics, Internet of Things und Industry 4.0 Anwendungen). Diese Aufnahme wurde am Festival nicht gezeigt. Ihre Einzelbilder sind nun, nicht wie üblich zu einem grossforma-tigen Panorama montiert, sondern in einer neuen Auswertung als Videosequenzen ausgestellt. von der vermeintlich gehackten internen Überwachungsanlage von SAP stammend. more >>

Entrée
Die Tafel am Eingang funktioniert als eine Art Vorspann oder Mind Map. Sie zeigt die Grundrisse und genaue Positionierung der Kameras in den beiden panoptischen Gebäuden, der Justizvollzugsanstalt JVA in Mannheim und dem Hauptsitz von SAP in Walldorf bei Mannheim. Die Tafel enthält ausserdem eine Liste, der von SAP seit 1970 aquirierten Firmen mit ihren Tätigkeitsfeldern und die Beschreibung eines normalen Tages im Gefängnis.
Der Künstler stellt über das architektonische Prinzip des Panoptikons eine Analogie von Gefängniswelt und Software Industrie her. Die Aufteilung der Räume ist bemerkenswert ähnlich. Die Zellen der Häftlinge entsprechen den Arbeitsplätzen und an die Stelle des zentralen Kontrollturms in der Justizvollzugsanstalt tritt der gläserne Personenaufzug im SAP Hauptsitz – ein Verweis sowohl auf architektonische Mode und Sicherheitsaspekte. Die entscheidende Analogie ist aber die der Kontrollfunktionen beider Institutionen: Der Übergang vom analogen, physischen Panoptikon zu einem digitalen, psychischen Panoptikon. Sie unterscheiden sich im wesentlichen dadurch, dass das digitale Panoptikon sogar quasi ins Innere der Menschen schauen kann. Im analogen Panoptikon werden physiche Bewegungen von Menschen observiert. Im digitalen Panoptikon werten Algorythmen ebenfalls Bewegungen im weitesten Sinne aus: Die virtuellen Spuren von Güter- und Geldbewegungen, die jeder durch seine App-, Kunden- und Kreditkartenbenützung generiert, oder die er sogar aktiv und 
freiwillig als Meinungsäusserungen in den „sozialen“ Medien preisgibt. Im digitalen Panoptikon hilft jeder mit, sich selbst auf ein Kunden-Profil zu reduzieren, ohne allerdings Einblick in dessen Inhalt, noch die Kontrolle darüber zu haben, wie dieses gehandelt und angewendet wird.

Hauptraum
Es dominieren zwei grossformatige Panoramen: Zeitreise auf einer Platte vom Boden leicht abgehoben und das Wandbild JVA Panopticon. Der Kamerastandpunkt in der -Justizvollzugsanstalt Mannheim befand sich im Kontrollturm, exakt im geometrischen und damit strategischen Mittelpunkt der Anlage. Das ermöglichte eine 360°Aufnahme.
Die Aufnahme aus 1360 Einzelaufnahmen konnte nur während dem Nachteinschluss der Insassen aufgezeichnet werden, zwischen 21:42 und 05:48 Uhr. Für eine Nacht wurde das Unmögliche wahr: Die technische Ausrüstung des Künstlers übernahm die Rolle des Wachhabenden und besetzte den ganzen Kontrollraum. Menschliche Spuren sind ausserhalb des Observations-turms kaum mehr auszumachen. Die Zeitlichkeit ist praktisch gelöscht, wie wegradiert, lediglich die Hinterlassenschaften der Reinigungskräfte sind da und dort zu erkennen. Künstliches Licht brennt permanent, nur bei Tagesanbruch beginnen auch die wenigen Fenster zu leuchten. Die von Bild zu Bild unterschiedliche Lage der Schärfeebene bringt überraschende Details zum Vorschein, wie den Tageskalender oder eine Ausgabe des „Mannheimer Morgen“ auf dem Schreibtisch, oder auch die Sicherheitsnetze zwischen den Etagen der Gefängnistrakte. -Diese erinnern daran, dass den Gefangenen auch die letzte Freiheit genommen wird, ihr eigenes Leben zu beenden.
Ebenfalls im Hauptraum befinden sich die Videodoppelarbeit Inside SAP 1 – Tower und Inside SAP 2 – Difference Detector und die Bildserie Detections, die ebenfalls aus der Aufnahme am SAP Hauptsitz hervorgegangen ist. Besonderheit der Programmierung dieser Aufzeichnung ist, dass die Kamera von jeder Position aus zwei Bilder im Abstand von zwei Sekunden aufgenommen hat.
Zunächst montierte Jules Spinatsch die Einzelbilder zu zwei Videosequenzen. Sie unter-scheiden sich dadurch, dass die Bilder bei SAP 1 additiv nacheinander und bei SAP 2 subtraktiv übereinander gelegt und synchronisiert wurden. So ergibt sich, dass die eine Sequenz die andere „analysiert“. Die Software legt die entsprechenden Bildpaare so übereinander, dass nur die Differenzen detektiert und dargestellt werden: z. B. Bewegungen von Objekten oder Menschen, aber auch technische Unzulänglichkeiten oder Fehler, die bei der Aufnahme entstanden.
Die düsteren Bilder wirken wie Röntgenbilder, in Gestalt von Negativen oder einer „Negierung“ der Wirklichkeit. Die Apparate kontrollieren sich selbst und produzieren neue Bedeutungsschichten. Die Bilder kommunizieren miteinander. Die Software lenkt den Blick über die automatisierten Bilder. Der Betrachter ist zunächst unfähig die Bewegung und die Interferenzen der Bilder zu analysieren. Die Sequenz SAP 2, in der gelöscht (schwarz) ist, was sich nicht ändert, verlangt vom Betrachter, seine Erinnerungen zu aktivieren, als ob er fehlende Hinweise wiederherstellen müsste um ein Puzzle zusammensetzen. Der Betrachter als integraler Bestandteil dieser Maschinerie wird auf eine rein funktionale Rolle reduziert.
Angesichts dieser „erweiterten Wirklichkeit“, der Macht der Algorithmen, untersucht Jules Spinatsch die Delegation von Macht an Maschinen.
Die Arbeit Zeitreise entstand im Fulldome Planetarium Mannheim, während der Projek-tion eines Lehrfilms, der die bekannte Erzählung, vom Ursprung des Universums bis heute, auf ein Jahr übertragen darstellt. Die programmierte Kamera im Zentrum der Kuppel zeichnete über die gesamte Dauer des Films alle drei Sekunden ein Bild auf und tastete dabei genau einmal die gesamte halbkugelförmige Projektionsfläche ab. Die 882 Einzelbilder wurden anschließend chronologisch zu einem monumentalen Bild arrangiert.
Das lange, am Boden platzierte Panorama betont des Vergehen der Zeit, denn das Bild muss zur Betrachtung abgeschritten werden. Und, im Kontext der Ausstellung, erinnert es auch an den Big Bang der Informationsproduktion und ihrer Speicherung, die zu einem inflationären Universum digitaler Daten führt. Vor allem aber erzählt das Bild das universale Epos von der Erschaffung der Welt in spekulativen Fragmenten, und versucht diese mit unseren kollektiven und individuellen Erinnerungen abzugleichen.

Kabinett
Tanzboden 1, im Separée klaustrophobisch wandfüllend, gibt 16 Stunden ekstatisch tanzender Massen und herumstehender Menschen inmitten komplexer Lichteffekte wieder. Das zeitgenössische „Fresko“ aus 714 Bildern erinnert an ein Gemälde von Gerhard Richter, indem es gewissermaßen Nicht-Wahrnehmbares und Unbegreifliches veranschaulicht. Es wirkt wie eine fiebrige von elektronischer Musik getaktete Flucht, von einer in eine andere Maschine. Der Einzelne taucht in eine Maske des Vergnügens, wo Selbstflucht und Kontrollverlust gesucht werden, und ihre amnestische Wirkung sich beschleunigt.
Endlich am Ausgang der Ausstellung ruft eine Anordnung aus Einzelbildern unmissverständlich: Obey, Obey. Als Befehl, Warnung oder Tatsache?

Jules Spinatsch bedient sich oft mehrerer Medien gleichzeitig, von Einzelbildern, zu Serien oder großen fotografischen Wandbildern montiert, bis hin zu bewegten Bildern. Dadurch lenkt er den Betrachter bewusst auf sein Ziel zu: Seine Forschung am Bild bringt uns vielleicht dazu sich nach dem Funktionieren dieser Bildern in einem präzisen Kontext zu fragen: In der panoptischen Welt nämlich, ob digital oder analog in der sich dunkle Transparenz in etwas immer Unsichtbareres und Abstrakteres verwandelt.
In Halbautomat II – Endspiel gibt uns Jules Spinatsch seine Vision der angekündigten, nächsten technischen Revolution, dem sogenannten Internet of Things und Industrie 4.0. Eine neue Generation von Software ermöglicht autonome Kommunikation zwischen Geräten, und verspricht uns allerlei (alltägliche) Erleichterungen. Die Produktion von Massengütern wird individualisiert, nach den aus unseren Kundenprofilen extrahierten „Bedürfnissen“. Ein transparentes, technokratisches Universum das mir sagt, was ich will.
Die zentrale Frage bleibt die nach der Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Ob diese ihrerseits durch ein panoptisches Modell, eine digitale Totalübersicht bestimmt wird – und, in der Folge, nach unserer Beziehung zur Macht. Jules Spinatschs Werk stellt ein soziales und politisches Gesamtbild dar, das den Betrachter dazu zwingt, eine analytische Methode zu entwickeln. Derjenige, der „schaut“, wird veranlasst die Werke und die Mittel ihrer Darstel-lung zu entschlüsseln und vor allem das Funktionieren einer Gesellschaft, die ihrer Automatisierung und einem Kontrollsystem unterworfen ist, das schleichend aber kontinuierlich autoritärer wird. Kamera, Computer und Internet haben den Blick und die Analysefähigkeit des Menschen ersetzt, um nichts als Maschine zu werden. Ist diese Welt, aus der die menschliche Präsenz fast vollständig verschwunden ist, in der Tat ihrem eigenen Untergang geweiht? Oder geht es eher um den Versuch, die Maschine und das kreative Potential des Menschen miteinander zu versöhnen? Handelt es sich letztlich um die Geburt einer neuen gesellschaftlichen Militanz oder um das Portrait einer entfremdeten und sich entfremdenden Gesellschaft, ausweglos fortdauernd wie Becketts Endspiel, atmospärisch im Sinne HR Gigers – dessen technoid, archaisches Universum Jules Spinatsch schon in seiner frühen Jugend fasziniert hat?
Nach Sarah Zürcher (aus dem Französischen)

Spinatsch bezieht sich u. a. auf die Essays des Philosophen Byung-Chul Han in Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, auf Jeremy Benthams Erfindung des Panoptikons und Michel Foucaults Buch Überwachen und Strafen / die Geburt des Gefängnisses, das u. a. dessen Architektur analysiert.